3. Advent: Weihnachtsvorbereitung

Weihnachtsgeschenke

Mit seiner Tasse Kaffee in der Hand schaute Herr Klausmann auf seinen Kalender an der Wand. Es war Freitag heute, Freitag vor dem 3. Advent. Für Marie immer ein besonderer Tag. Sie hatte jedes Jahr, genau an diesem Tag alle Weihnachtsgeschenke eingekauft und eingepackt. Herr Klausmann tat ihr das in den letzten 5 Jahren nach. Mit Freude zog er durch die Spielzeugläden, um seinen beiden Enkel eine ganz besondere Freude zu machen. Max wollte unbedingt einen interaktiven Roboter von Lego und Lotte hatte sich ein Schloss von ‚Frozen‘ gewünscht. Beides stand jetzt in großen Paketen in seinem neuen Schlafzimmer in der Erdgeschosswohnung, fertig eingepackt neben den Büchern von Alexander und Johanna. Das waren zwei Bildbände: ‚Die 100 Highlights von New York‘ für Johanna und ‚Im wilden Patagonien‘ für Alexander. Zum Spaß legte er beiden, sowie jedes Jahr, auf eine willkürliche Seite im Buch noch einen 100-Euro-Schein dazu. Alles hatte er selber festlich eingepackt. Nur am Format erkannte er noch, welches Buch er seinem Sohn und welches seiner Schwiegertochter überreichen musste. Die Geschenke von Max und Lotte waren deutlich am Geschenkpapier zu erkennen.

Der Umzug

Die letzte Woche war verflogen wie im Nu. Seit Montagabend wohnte er selbst im ersten Stock. Der Umzug war völlig reibungslos verlaufen und seit Dienstag stand auch der schwere Sekretär in seinem neuen Arbeitszimmer. Es war hier alles viel kleiner als in der Kanzleiwohnung, aber es war doch ausreichend Platz für seinen gemütlichen Ledersessel mit Beistelltisch und auch für einen Weihnachtsbaum. Den hatte er auch mit Max und Lotte geschmückt. Die Küche war komplett neu und auch das Badezimmer wollte er direkt und seinem Alter entsprechend renovieren lassen. Nachdem im Sommer die junge Frau aus Schwäbisch Gmünd ausgezogen war, war ihm klar, dass er den Schritt in eine kleinere Wohnung wagen musste. Er musste gestehen, er fühlte sich richtig wohl. Von seinem Arbeitszimmer aus sah er auf die belebte Seitenstraße von Staufen. Nächste Woche würden seien Kinder in die Kanzleiwohnung ziehen und Heilig Abend mit ihm zusammen feiern.

Von oben hörte Herr Klausmann laute Musik. Irgendetwas neumodisches, aber das störte ihn weiter nicht. Die Maler brauchten noch diesen einen Tag und dann war alles frisch gestrichen. Der Umzug seiner Kinder war für kommenden Montag geplant.

Her Klausmann schrieb nun die letzten Weihnachtskarten, denn die wollte er gleich zur Post bringen. Dann war das auch erledigt. Er nahm noch einen Schluck Kaffee. Das machte das Zukleben der Umschläge einfacher. Er schmunzelte bei dem Gedanken, dass die Empfänger der Weihnachtspost den Kaffee riechen könnten. Seinen Humor würde er niemals verlieren, da war er sich ganz sicher.

Er erwartete selber auch Post. Eine E-Mail von Fred von Lammenstein. Am Montag hatte Johanna ihm mitgeteilt, dass Fred von Lammenstein bereits in Urlaub war. Dass er ihn vor Weihnachten noch erreichen würde, daran glaubte er nicht mehr. Von Johanna hatte er auch die Telefonnummer von dem Grafensohn bekommen, aber das war eine Geschäftsnummer und auch darauf bekam Herr Lehmann keinen Anschluss. Nicht einmal eine Mailbox, auf die er gerne eine Nachricht gesprochen hätte. Von der Gräfin hatte er in den vergangenen Wochen allerdings auch nichts mehr vernommen. Dieser Auftrag beschäftigte ihn mehr als alle anderen. Es waren nicht mehr viele gewesen, seit dem Herbst. Er hatte noch eine Scheidung begleitet, eine Erbschaft und einem Mandanten zur Seite gestanden in einer fiskalen Angelegenheit. Allesamt Lappalien, verglichen mit seinen früheren Fällen.

Er legte sich seinen Stapel Post auf die Seite, neben die Fundsachen von Lotte. Die hatte er am Dienstag mitsamt allen Unterlagen und seinem Laptop selber von der Kanzleiwohnung in sein neues Arbeitszimmer getragen.

Er würde nachher zur Post laufen und danach die Kinder von der Schule abholen. Er hatte versprochen, mit Max und Lotte auf den Weihnachtsmarkt nach Freiburg zu fahren. Dort durften sie sich ein Weihnachtsgeschenk für Papa und Mama aussuchen. Auch das war Tradition im Hause Klausmann.

Alexander und Johanna konnten dann in aller Ruhe einpacken. Die Kinder würden heute Abend zum ersten Mal in ihren neuen Zimmern in der Kirchstraße schlafen.

„Opiii!!! Ich komme!!!“ Herr Klausmann wartete vor der Schule. Lotte kam auf ihn zu gerannt und umarmte ihn. Er musste sich zu ihr herunterbeugen um ihr einen Kuss auf den Haarschopf zu geben. Da kam auch schon Max um die Ecke geradelt. „Schaffen wir es rechtzeitig zum Bus?“

Mit dem Bus brauchte man eine dreiviertel Stunde nach Freiburg. „Aber sicher, Max. Wir bringen dein Fahrrad nach Hause. Du kannst es in den Flur stellen. Dann laufen wir zur Bushaltestelle am Markt.

Der Freiburger Weihnachtsmarkt

Auf dem Rathausplatz tummelten sich die Leute von Stand zu Stand. Es roch nach Lebkuchen, Glühwein und Sauerkraut mit Schupfnudeln. Das war Weihnachten. Erst holten sie sich bei einer alten Frau hinter ihrem Kessel eine Tüte heiße Maronen. Die wärmten die Finger so schön. Denn mit der Adventszeit war auch der Winter ins Land gezogen. Die Sonne schien, aber es war so richtig kalt um den Hals.

„Ich mag die nicht.“ Meinte Lotte. „Ich will eine Wurst.“

Herr Lehmann vertröstete sie auf später. „Wir suchen erst etwas für die Mama und den Papa. Dann schauen wir, was wir noch essen möchten.“

„Opi, schau, die will ich Mama schenken.“ Lotte zeigte auf einen Stern, der am übernächsten Stand an der Decke hing. Herr Lehmann stellte sich vor, wie er in der Kanzleiwohnung an der Decke hing. Entweder im Flur oder aber im Wohnzimmer am Kamin.

„Welche Farbe willst du denn?“ Herr Lehmann fragte das eigentlich nur obligatorisch, denn er wusste, dass Lotte rot wählen würde. Lotte konnte kaum über die Theke sehen, wie das Geschenk eingepackt wurde. Da kam Max mit der Idee, für seinen Vater ein paar Fäustlinge zu kaufen. So gesagt, so getan.

Lotte wusste, was sie ihrem Vater zu Weihnachten schenken sollte, aber als Max ein aus Holz geschnitztes Salatbesteck für seine Mutter sah, fiel ihr Auge auf ein Weinglas aus Olivenholz. Das gefiel ihr.

Besackt und bepackt zogen sie weiter durch die Kaiser-Josefstraße Richtung Münsterplatz. An Lottes Schritten erkannte Herr Lehmann, dass seine Enkelin müde wurde.

„Wollen wir noch eine heiße Schokolade trinken?“ Das brauchte er die beiden nicht zweimal zu fragen. Die vier Augen strahlten, wie die Sterne an den Weihnachtsständen.

Einen Glühwein hätte er jetzt auch gerne getrunken, aber Herr Lehmann entschied sich auch für heiße Schokolade.

„Und was essen wir heute?“ Wollte Lotte wissen.

„Was haltet ihr von Schupfnudeln mit Sauerkraut?“ Herr Lehmann liebte Schupfnudeln mit Sauerkraut. Obwohl niemand sie so lecker zubereiten konnte wie Marie.

„Wir mögen kein Trauerkraut!“ riefen beide wie aus der Pistole geschossen.

Max und Lotte wollten eine Lange Rote, eine echte Freiburger Spezialität.

Lotte hatte den Senf in kürzester Zeit bis an den Ohren hängen. Eigentlich hatte sie auch nur die Wurst gegessen. Ihre Wangen glänzten so sehr, dass Herr Lehmann ihr erst einmal mit einer Serviette das Gesicht abwischen musste. An ihrem Ausdruck sah er, dass sie müde war.

„Wir sollten langsam zurückfahren.“

„Gute Idee, Opa. Würdest du mir noch bei Mathe helfen? Wir schreiben nämlich Dienstag noch eine Klassenarbeit.“

„Das machen wir. Hast du dein Mathebuch mitgenommen?“

Da meldete sich Lotte: „Ich kann nicht mehr laufen.“

„Klar, wir hatten heute auch Mathe.“

„Gut. Komm, Lotte, nur noch ein kleines Stück. Wir nehmen die Straßenbahn.“

„Ja, dann fahren wir mit der Rolltreppe zu den Gleisen.“

„Genau. Und mit dem Zug zurück.“ Das hieß zwar, dass sie noch einmal umsteigen mussten, aber Max liebte Zug fahren. Und Herr Lehmann auch.

Lotte schlief schon vor der Abfahrt aus dem Freiburger Hauptbahnhof auf Herr Lehmanns Schoß ein. Es störte sich nicht, dass Max erzählte, was er alles gelernt hatte über das Mittelalter in Freiburg.

Das neue Zuhause

Bis an die Kirchstraße waren es zu Fuß keine zehn Minuten. Lotte hatte ausgeschlafen und stiefelte mit ihren Geschenken fröhlich vor Herrn Klausmann und Max an seiner Seite her.

Die Weihnachtsbeleuchtung erhellte die Straßen und aus einigen Geschäften hörte man Weihnachtslieder klingen. Die Vorfreude auf den Heiligen Abend wurde immer größer.

„Kommt, rein mit euch!“ Herr Lehmann hatte die Haustür aufgeschlossen und lief hinter seinen Enkeln her in den Flur und schloss die Tür. Sein neues Heim lag nun auf der linken Seite des Flures. Vor allem wenn er von draußen hereinkam, war es ungewohnt, dass er nicht nach oben laufen musste, um in sein vertrautes Heim zu kommen. Alles roch noch ein bisschen neu und nach frischer Farbe.

„Ich will fernsehen,“ rief Lotte und lief ins Wohnzimmer. Das war das Zeichen, dass sie wirklich müde war.

„Ich mache Abendbrot,“ sagte Herr Lehmann auf dem Weg in die Küche. „Und koche uns einen Tee. Und dann geht’s ins Bett. Da freut ihr euch doch. Zum ersten Mal in eure neuen Schlafzimmer.“ Der Jubel hielt sich in Grenzen, aber das sollte sich nach dem Abendessen ändern.

Träume werden war

Die Kirchglocken schlugen halb 8, als er die Treppe wieder herunterlief. Max und Lotte lagen in ihren neuen Betten. Max wollte noch ein bisschen lesen, aber Lotte fielen die Augen zu, als Herr Klausmann ihr die Bettdecke über die Schultern legte. Leise schlich er sich hinaus.

„Nicht mehr zu lange, Max. Du weißt, die Träume in einer ersten Nacht im neuen Haus werden war.“ – „Ach, Opa, erzähl das Lotte…“

Die 21 Stufen der Altbauwohnung hielten ihn jung. Es hatte im trotz des Alters nie etwas ausgemacht. Alexander sagt, es wäre praktisch, dass er nicht mehr die vielen Stufen in die Kanzleiwohnung nehmen müsse. Aber wahrscheinlich würde er sie jetzt öfter nehmen als zu der Zeit, als er noch oben wohnte.

Er nahm sich vor noch bei Johanna zu informieren, ob sie eine Nachricht bekommen habe von Fred von Lammenstein. Sie hatte den gleichen Gedanken und war sogar etwas schneller.

„Guten Abend, Karl! Wie war euer Nachmittag?“ Er hatte sich damit abgefunden, dass sie nicht Vati sagte oder Papa. Johanna hatte ihn schon vor der Hochzeit mit seinem Vornamen angesprochen. Und das passte gut.

„Wir sind völlig geschafft. Aber fast fertig. Morgen noch ein paar Sachen aus der Küche einpacken und den Keller leerräumen. Dann sind wir fertig hier. Wir könnten dann morgen Abend alle zusammen zum Griechen am Marktplatz. Wir bringen dann was zum Schlafen mit und bleiben ab Morgen in der Kirchstraße.“

„Wie schön. Dann mache ich am Sonntag Frühstück und wir könnten zum Mittagessen ins Münstertal fahren.“

„Wunderbar. Aber was ich noch sagen wollte, Fred hat sich bei mir gemeldet. Ich habe das gerade eben erst gesehen. Nächste Woche wird er sich mit dir in Verbindung setzten. Er war etwas überrascht. Er wusste gar nichts von einem Geburtstag. Und auch nicht von einer Tante. Aber das klärt sich. Im Laufe der nächsten Woche ist er wieder zurück. Wie gesagt, er meldet sich bei dir.“

„Prima. Wünsche euch einen ruhigen Abend. Bis morgen!“

„Bis morgen, Karl. Danke.“

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